Die Mathematik im Jenseits der Kulturwissenschaften

Zur literarischen und kulturellen Konstruktion des Mathematischen zwischen 1880 und 1950


Forschungsprojekt im Rahmen des Emmy Noether-Rogramms der DFG (ab November 2007)

Projektskizze

Im Zuge der kulturwissenschaftlichen Wende der Geisteswissenschaften wird ein integrativer, die Naturwissenschaften umschließender Kulturbegriff eingefordert. Ausgeblendet bleibt dabei häufig die Mathematik, obwohl sie in den kulturwissenschaftlichen Ansätzen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle gespielt hat und sowohl auf der Ebene der theoretischen Konzeptualisierung als auch auf der Ebene des kultur- bzw. literaturwissenschaftlichen Gegenstandsbereichs äußerst präsent war. Das Projekt rekonstruiert den funktionalen Stellenwert, den mathematische Denkformen innerhalb der literarischen, ästhetischen und kulturwissenschaftlichen Theorie- und Modellbildung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einnahmen. Die vergleichende Interpretation literarischer, ästhetischer, kulturwissenschaftlicher, metamathematischer und mathematikphilosophischer Rede über Mathematik, mathematische Schlüsselkonzepte und ihre wissenschaftsphilosophischen Grundlagen zeigt, dass die Verhältnisbestimmung von Dichtung, Ästhetik, Kulturwissenschaft und Mathematik im Zeichen der wissenschaftlichen Moderne zwischen 1880 und 1950 ein konstitutives Element der kulturellen Selbstverständigung darstellt. Zugleich verschafft die Analyse Einblicke in die Bedingungen und Faktoren, die zur literarischen und kulturwissenschaftlichen Marginalisierung des Mathematischen geführt haben. Die an den Methoden der Diskursanalyse, Wissenssoziologie und der Wissenstransferforschung orientierte komparatistische und interdisziplinäre Untersuchung stützt sich dazu auf Texte von Ernst Cassirer, Wilhelm Dilthey, Edmund Husserl, Robert Musil, Hermann Broch, Paul Valéry, G. H. Hardy, Henry Poincaré, David Hilbert u.a., bezieht aber auch Material aus den Kultur- und Naturkundezeitschriften und anderen popularisierenden Medien der Zeit in die Analyse ein.

Zugehörige Publikationen

  • (with C. Blohmann) Dichter, Mathematiker und Sterndeuter. Hermann Brochs "Unbekannte Größe", in: Gestirn und Literatur im 20. Jahrhundert. Eds. Maximilian Bergengruen et al., Fischer (Weiße Reihe), Frankfurt am Main 2006, p. 209-224.
  • "Ueberall wird in Naturwissenschaft gemacht." Die Diskussion um Kultur, Bildung und Mathematik in den Kulturzeitschriften der Jahrhundertwende, in: Europäische Kulturzeitschriften um 1900 als Medien transnationaler und transdisziplinärer Wahrnehmung. Ed. Ulrich Mölk, Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse, 3. Folge, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2006, p. 197-213.
  • "Symmetrie", "Pentagramm", "0" und "7", Lexikonartikel zu: Metzler Lexikon literarischer Symbole, hg. v. Günter Butzer und Joachim Jacob, erscheint 2008.

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